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Denkanstöße - Lügen im Vorstellungsgespräch erkennen - Teil 1

Teil 1: Die Baseline finden

Personalentscheider erleben es regelmäßig: Bewerber, die versuchen, sich selbst in einem möglichst guten Licht darzustellen.

Gerade in der Personalauswahl hängt der Erfolg des Bewerbers maßgeblich von einer erfolgreichen Selbstdarstellung in fachlicher und in persönlicher Hinsicht ab.

Es liegt daher auf der Hand, warum möglichst viel positive Selbstdarstellung gerade in solchen Zusammenhängen keine Seltenheit ist. Aus diesem Grund ist es im Kontakt mit Bewerbern wichtig, mögliche Täuschungsversuche zu erkennen und eine Sensibilität für Ungereimtheiten zu entwickeln.

Selbstdarstellung ist dabei im Grunde genommen keine negative Verhaltensweise, sondern beschreibt im Ursprung lediglich den Versuch, sich selbst als Person auf eine gezielte Art und Weise zu präsentieren. Dabei muss zwischen ehrlichem und unehrlichem Verhalten differenziert werden. Ehrliches Selbstpräsentationsverhalten umfasst beispielsweise die Betonung eigener Fähigkeiten und Fertigkeiten oder die Demonstration von vorhandenem Wissen und Expertise. Unehrliche Verhaltensweisen hingegen zielen darauf ab, vorhandene Tatsachen anders darzustellen, als sie es tatsächlich sind. Beispiele reichen davon, Erfahrungen und Verantwortungen früherer Tätigkeiten künstlich aufzublähen oder gar frei zu erfinden bis hin zur Dokumentenfälschung.

Die meisten bisher erdachten Modelle gehen davon aus, dass sowohl die betreffende Person als auch die entsprechende Situation sich auf das Faking-Verhalten, wie die unehrliche Form der Selbstrepräsentation in der Fachliteratur benannt wird, auswirken. Dabei sind Kandidaten, die faken, in vielen Fällen erfolgreicher als ehrliche Konkurrenten und erwecken zunächst einen positiveren Eindruck beim Personaler.

Doch wie kann man nun Täuschungsverhalten im direkten Kontakt mit dem Bewerber, z. B. im Rahmen eines Interviews, erkennen?

Mit dem bewussten getäuscht werden durch andere beschäftigen sich Menschen schon seit langer Zeit: In religiösen wie philosophischen Schriften und auch in der Kunst zeichnet sich die Täuschung als wiederkehrendes Motiv ab. Die Enthüllung von Lügen steht dabei oft im Vordergrund. Artikel und Bücher werben oft mit großen Versprechen – Lügnern könne man dadurch auf die Schliche kommen, dass sie häufiger blinzeln, sich an der Nase kratzen, Blickkontakt meiden oder mit hoher Stimme sprechen. Dies ist jedoch mitnichten der Fall!

In einem seiner kürzlich erschienenen Artikel beschreibt Joe Navarro, öffentlich bekannt als Spezialist für Körpersprache, was man anhand der Körpersprache erkennen kann – und was nicht.

Entgegen der populären Meinung sind nonverbale und paralinguistische Merkmale in keinem Fall eindeutige Indikatoren einer Lüge. Stattdessen deuten diese Anzeichen lediglich darauf hin, dass jemand unter Stress steht. Und das kann eine Reihe von Hintergründen haben. Möglicherweise ist die Person in diesem Moment ängstlich, fühlt sich unwohl. Vielleicht befindet sie sich in einer neuartigen Situation oder ist aus einem anderen Grund angespannt.

Ob jemand eine Unwahrheit erzählt oder nicht, lässt sich aus diesen körperlichen Signalen also allein nicht ableiten.

Navarro empfiehlt, Fragen zunächst mit dem Ziel der neutralen Sammlung von Informationen zu stellen. Dazu ist es notwendig, zu Beginn eines Gesprächs das normale Verhalten zu ermitteln, eine Art „Baseline“. Die Gegebenheit dafür liefert das Vorstellunggespräch meist ganz natürlich: der Smalltalk, der zu Beginn eines Gespräches oft empfohlen wird, ist ideal dafür geeignet, einen ersten Eindruck vom „natürlichen“ Verhalten eines Kandidaten zu gewinnen.

Ein Gespräch über Themen dessen Anreise, den Standort des Unternehmens oder, wenn es sich anbietet, den letzten Urlaub und Reisen sind passend. Sie sind unverfänglich und zielen darauf ab, den Kandidaten vor Beginn des eigentlichen Gespräches soweit wie möglich zur Ruhe kommen zu lassen. Ungeeignet sind hingegen beispielsweise Themen, die sich mit Politik, Religion oder Gesundheit befassen. Sie bringen beide beteiligten Parteien in eine kritische Position, in der sich Kandidaten unter Umständen gezwungen sehen, eine Gratwanderung zwischen eigenen Überzeugungen und wahrgenommenen Präferenzen einzugehen. Dieser Umstand kann dazu führen, dass der Kandidat sich in der Anfangsphase des Gesprächs nicht entspannt, sondern im Gegenteil noch stärker belastet wird.
Der Smalltalk, der meist sowieso schon im Gesprächsablauf eingeplant ist, bietet also die optimale Möglichkeit, eine Grundlage für die Analyse der Körpersprache im restlichen Interview zu ermitteln. Wippt der Kandidat zum Beispiel von Beginn des Gesprächs an bereits auf seinem Stuhl, so ist dies eher kein Zeichen, das im weiteren Verlauf für einen Täuschungsversuch spricht.

Obwohl die Situation des Vorstellungsgespräches an sich für Kandidaten keine alltägliche ist, so sollte zu Beginn eine möglichst angenehme Basis für die weitere Gesprächsatmosphäre geschaffen werden. Es bietet sich an, sich in diesem Schritt bereits bewusst gedankliche Notizen zu machen, um diese zu einem späteren Zeitpunkt auf Papier zu bringen. Sofort zum Stift zu greifen könnte an dieser Stelle jedoch für Irritationen sorgen, weshalb dies eher zurückgestellt werden sollte. Ziel ist es, diese Anmerkungen später mit Beobachtungen während der „heißen Phasen“ des Interviews zu vergleichen.

Im weiteren Verlauf gilt es, spezifische Reaktionen, die von der erhobenen Baseline abweichen näher zu betrachten. Diese Grundlage soll als Basis für eine tiefergreifende Exploration des kritischen Themas dienen, um herauszufinden, warum genau eben jene Frage zu einer solchen Reaktion führt. Es ist demnach entscheidend, das normale Verhalten im Verlauf der Interviews auf Abweichungen hin zu überprüfen und an diesen Stellen gezielt nachzuhaken.

An diesen subtilen Anzeichen kann man nämlich die eigentlichen Themen erkennen, die eine Person in dem Moment beschäftigen. Fasst sich jemand bei bestimmten Fragen zu einem Thema plötzlich wiederholt in den Nacken, muss sich auffallend häufig räuspern und weicht gleichzeitig vom gewohnten Sprachmuster ab, so ist dies ein Zeichen, an dieser Stelle tiefergehende Fragen zu formulieren: Warum genau wurde das Arbeitsverhältnis so schnell wieder beendet? Was war noch einmal der Auslöser für die berufliche Neuorientierung?

Sind Sie neugierig geworden, wie genau das möglich ist? Die folgende Ausgabe unseres Newsletters wird aufdecken, welche Fragetechniken speziell dabei helfen, Normabweichungen in Reaktion auf Fragen zu ermitteln und dabei praktische Ansätze für die Anwendung liefern.

Laura Dietz